Verarbeitung Neozeit für Eltern und Kinder

10 Empfehlungen zur Verarbeitung einer Frühgeburt
Das hilft Eltern:
- Such dir Unterstützung, und tausch dich sich mit deinem Partner/deiner Partnerin, Familienmitgliedern oder einer Therapeutin über Gefühle, Ängste und Hoffnungen aus.
- Informiere dich möglichst gut über die Frühgeburtlichkeit, die medizinische Versorgung und die Entwicklung von Frühgeborenen, um die Situation besser zu verstehen.
- Erlebe dich ich als selbstwirksam, indem du dich schrittweise um die Bedürfnisse deines Kindes kümmerst.
- Nimm dir Zeit für deine Gefühle. Es braucht Zeit, um zu trauern, sich der Situation anzupassen und sich zu erholen.
- Verbringe viel Zeit mit deinem Kind. Der Hautkontakt während des Känguruhens und die Pflege des Kindes stärken die Eltern-Kind-Bindung und gibt dir Sicherheit.
- Kümmern dich um deine körperliche und emotionale Gesundheit, zum Beispiel durch Rituale im Alltag, gesunde Ernährung, ausreichend Schlaf und Zeit für Entspannung und Freude. Davon profitiert auch dein Kind.
- Tausch dich mit anderen betroffenen Eltern aus und ermutigt euch gegenseitig.
- Feiere jeden Fortschritt deines Kindes. Sei dir bewusst, dass auch Rückschritte dazugehören.
- Sei geduldig mit deinem Kind und mit dir selbst. Die Genesung und Entwicklung kann Zeit brauchen, aber mit Liebe, Geduld und Unterstützung kannst du zusammen mit deinem Kind die Herausforderung bewältigen.
- Lasse dich von deinem Kind leiten. Häufig sind es die Kinder, die den Eltern Kraft geben, die schwierigen Erlebnisse zu verarbeiten und die Situation der frühen Geburt zu akzeptieren.
Begleitung der Kinder bei der Verarbeitung
Wie können Eltern ihre Kinder nach Austritt bei der Aufarbeitung von der Neo-Zeit unterstützen?
Häufig befinden sich die Eltern nach der unerwartet frühen Geburt in einem Schockzustand. Darum versuchen wir den Fokus von Anfang an auch auf die Eltern zu lenken. Grundsätzlich können Eltern ihr Kind am besten bei der Aufarbeitung der Neo-Zeit unterstützen, wenn es ihnen selbst gut genug geht und sie Raum und Zeit für die Verarbeitung eigener Gefühle haben.
Die Kinder spüren, wie es den Eltern geht, und so kommt alles, was die Eltern für sich machen, auch dem Kind zugute. Darum empfehlen wir den Eltern schon auf der Neonatologie:
- Sich immer wieder Zeit zu nehmen für eigene Gefühle, auch Trauer oder Wut zulassen (Kinder akzeptieren es gut, wenn Eltern auch mal weinen)
- Austauschen mit Vertrauenspersonen oder Peers
- Selbstfürsorge (Massage, Shiatsu, Spaziergänge, Lesen, Podcasts hören, Sport, Yoga etc.)
- Zeit mit dem Partner
- Zeit zum Reflektieren, z. Bsp. Tagebuch schreiben
Für das Kind sind die Eltern die wichtigsten Bezugspersonen. Die Eltern unterstützen ihr Baby dadurch, dass sie verlässlich verfügbar sind und die Bedürfnisse des Kindes feinfühlig beantworten. Eltern helfen ihren Kindern dadurch, dass sie von Beginn an mit ihnen sprechen, vorlesen und auch unangenehme Gefühle erlauben und mittragen. Gerade bei frühgeborenen Kindern ist es besonders wichtig, dass die Eltern ausreichend Nähe und Geborgenheit bieten. Dafür können auch Babymassage, Tragehilfe, Haut zu Haut Kontakt sprechen oder singen dienen.
Oft erleben Eltern, wie auch Kinder die Trennung auf der Neonatologie als eine schmerzhafte Erfahrung. Zuhause können alle zusammen die Nähe nachholen. Schwierige Momente können nicht einfach gelöscht werden aber es dürfen neue und positive Erfahrungen daneben gesetzt werden. Diese zählen immer mehr. Trotzdem dürfen Kinder, wie auch Eltern mal einen schlechten Tag haben und wütend oder verzweifelt sein. Es ist sinnvoll, sich für diese schwierigen Tagen Strategien zu überlegen und frühzeitig Unterstützung anzunehmen. Die Eltern müssen nicht perfekt sein, „good enough“ ist für die kindliche Entwicklung am besten.
Kleinkinder verarbeiten ihre Erfahrungen meist spielerisch. Die Kinder dürfen ihre eigene Geburt immer wieder nachspielen oder selbst in die Rolle der Ärztin oder Pflegenden schlüpfen und sich dadurch selbstwirksam erleben. Ab dem Alter von 3 Jahren empfehlen wir unser Bilderbuch „Kraken kennen keine Berge“ als Unterstützung bei der Verarbeitung der Erlebnisse anzubieten. Die liebevoll gestalteten Bilder von der Neo-Zeit und der lustige Oktopus Tinti erleichtern es über diese Phase zu sprechen, Erinnerungslücken zu füllen und die entsprechenden Emotionen auszudrücken. So werden die Erlebnisse ganz unbemerkt und nebenbei verarbeitet. Und Verarbeitung bedeutet nicht, dass diese Zeit vergessen wird, sondern dass die Erfahrungen in einer Weise integriert werden, die es dem Kind und den Eltern ermöglicht damit zu leben und zu funktionieren.
Manchmal entwickelt sich auch eine vertiefte Dankbarkeit für das Leben des Kindes und für alles, was gut läuft.
Empfiehlst du Eltern grundsätzlich immer die Kinder psychologisch betreuen zu lassen? Oder was wäre hier empfehlenswert?
Nach einer Frühgeburt ist psychologische Begleitung der Kinder nicht grundsätzlich notwendig. Wichtig sind die regelmässigen Entwicklungskontrollen und die Termine beim Kinderarzt. Kriterien für das Aufsuchen einer Kinderpsychotherapeutin sind zuallererst der subjektive Leidensdruck der Eltern oder des Kindes. Wir empfehlen eine therapeutische Begleitung der Familie, wenn elterliche Ängste und Sorgen um die Entwicklung des Kindes persistieren und die Kinder vor allem mit den Augen der Angst gesehen werden. Oder wenn Eltern oder Fachpersonen Verhaltensauffälligkeiten beobachten, wie Regulationsstörungen, eine massive Trennungsangst, anklammerndes Verhalten oder aggressiv-oppositionelles Verhalten, welches über das normale Trotzen hinausgeht.
Grundsätzlich nehmen wir als Psychotherapeutinnen jedes Anliegen der Eltern ernst und machen eine ausführliche Anamnese, erarbeiten gemeinsam ein Problemverständnis oder empfehlen medizinische Abklärungen. Es geht auch darum, dass Eltern sich sicher und kompetent im Umgang mit dem Kind fühlen. Wir pathologisieren weder die Eltern noch die Kinder, die sich an uns wenden, sondern versuchen eine gesunde Entwicklung zu unterstützen. Hierzu gehören auch Erziehungsberatung oder die Zusammenarbeit mit anderen Fachpersonen (Ärzten, Physiotherepie, Logopädie, Ostheopathie, Musiktherapie etc.). Im Zweifelsfall ist es sinnvoll, solche Fragen bei einer Fachperson des Vertrauens anzusprechen.
Wir sind gerne für die Eltern und ihre frühgeborenen Kinder da und schätzen das Vertrauen einer Kontaktaufnahme sehr.
Welche Tipps kannst du den Eltern geben, wie sie ihre Kinder über ihren schwierigen Start ins Leben informieren sollen?
Wir empfehlen den Eltern zunächst selbst Worte zu finden für das Erleben der frühen Geburt und immer wieder mit vertrauten Personen darüber zu reden oder ein Tagebuch zu führen. Auch empfehlen wir von Anfang an mit dem Kind zu sprechen (und dem Kind aus unserem Bilderbuch „Kraken kennen keine Berge“ vorzulesen). Die Bilder zeigen kindgerecht die Schritte der ersten Lebenswochen auf der Neonatologie und im Anhang findet sich ein psychologisch fundierter Begleittext, der die Nutzung des Buches erklärt. So gehört die Frühgeburt zum normalen Leben des Kindes und der Familie.
Wichtig ist es die Themen rund um die Frühgeburt nicht zu vermeiden, sondern zum Beispiel mit Hilfe des gehäkelten Oktopus, Fotos, Bilderbüchern oder einem Tagebuch über den ganz eigenen Start ins Leben zu sprechen. Für Eltern ist es immer entlastend zu hören, dass sie sich von den Fragen des Kindes leiten dürfen. Kinder sind kreativ und resilient haben eigene Verarbeitungsstrategien, die wir als Eltern nicht kennen müssen. Auch ist es sinnvoll, mit dem älteren Frühgeborenen einen Besuch auf der Neonatologie zu machen und ihm zu zeigen, wo es die erste Lebenszeit verbracht hat. Die Pflegefachpersonen und das Behandlungsteam freuen sich, an der Entwicklung der Kinder teilhaben zu dürfen.
Ab wann sollen Eltern ihren Kindern Bilder aus der Zeit von der Neo zeigen? Und wie helfen die Bilder aus dem Buch „Kraken kennen keine Berge. Ein Abenteuer rund um die frühe Geburt“ bei der Verarbeitung?
Hier ist die Empfehlung die Bilder dann zu zeigen, wenn das Kind auch Interesse zeigt und danach fragt. Es empfiehlt sich einige wenige Bilder aus der Neo Zeit im Kinderzimmer aufzuhängen, so dass das Kind diese täglich sehen kann und die Gelegenheit hat nachzufragen. Bei der Auswahl der Bilder ist es wichtig, die Würde des Kindes zu respektieren. In der Regel beginnen sich die Kinder im Alter von 3-5 Jahren für die Umstände der eigenen Geburt zu interessieren. Es kann aber auch etwas früher oder später sein, das ist alles im Normbereich. Bilder von Babys finden Kinder meist schon früher interessant.
Die Eltern können zusätzlich zu den Fotos mit unserem Bilderbuch die Themen auf der Neo in einfachen und kindgerechten Worten erklären. Hier ist Tinti der lustige Oktopus immer an der Seite des frühgeborenen Kindes. Er verkörpert die widerstandsfähigen Anteile des Kindes. Für die Kinder ist es wichtig, dass diese Themen in einem geschützten Rahmen angeschaut werden und sie sich dabei von den Eltern unterstützt und geliebt fühlen. Sinnvoll ist es das Thema der Frühgeburt vor dem Eintritt in den Kindergarten zu thematisieren. Kinder beginnen sich dann zunehmend im sozialen Rahmen zu vergleichen und haben einen Vorteil, wenn sie bereits dabei sind, eigene Worte für ihren besonderen Start ins Leben zu formulieren.
Es geht nicht darum etwas ungeschehen zu machen, sondern die kindliche Resilienz durch den Kontakt mit schwierigen Themen zu stärken. Verarbeiten bedeutet auch immer zu verstehen und einzuordnen was passiert ist. Die Verarbeitung verläuft häufig in Schüben, so dass sich Phasen erhöhter Sensibilität oder Labilität bei Eltern und Kind abwechseln mit Phasen emotionaler Stabilität. So kann die Frühgeburt nach und nach für die ganze Familie zu einer Bewältigungserfahrung werden.
Was kannst du den Eltern nach einer Frühgeburt noch mitgeben?
Es ist wichtig anzuerkennen, dass die Verarbeitung der Frühgeburt für die Eltern Zeit und Raum brauchen darf. Manchmal kann der Eindruck entstehen, dass bereits alles bewältigt ist und wenn aber ein Rückschlag beim Kind kommt oder es vielleicht Probleme in der Schule zeigt, dass dann die ganze Geschichte zusammen mit Schuldgefühlen wieder hochkommt. Es darf auch jederzeit später Hilfe angenommen werden. Aus unserer Erfahrung braucht es häufig Zeit, bis die Eltern sich mit der Vergangenheit versöhnen können.
Text und Interview Fachpsychologin für Psychotherapie, Eidg. anerkannte Psychotherapeutin, Lic. phil. Sabine Ihle























